• Elena

Was die Zeit überdauert

Das Flüstern der Feigenbäume von Elif Shafak (2021)


Es sind zwei Liebende, deren Liebe nicht sein soll. Dennoch treffen sie sich, lieben sich, im Geheimen, weil ihre Liebe eben stärker ist. Das Motiv ist ein bekanntes: Verbotene Liebe, die dem Widerstand trotzt – zumindest bedingt. Bestimmt denken manche nun an Romeo und Julia von William Shakespeare, der diese Geschichte schon im 16. Jahrhundert erzählte.


Was simpel klingt, spinnt Elif Shafak im Buch «Das Flüstern der Feigenbäume» jedoch zu einem komplexen Ganzen: Sie springt, zwischen den Zeiten, den Generationen, den Erzählstimmen und Inseln. Mal befinden wir uns bei Kostas und Defne auf Zypern, mal bei Ada und ihrem Vater in Grossbritannien. Mal erzählt uns ein Feigenbaum ihre Geschichte, mal ist es eine allwissende Erzählstimme.



Alle Geschichtsstränge entspringen derselben Wurzel, alle gehören sie irgendwie zusammen. Ada ist nämlich die Tochter jener Defne, die ihr Vater Kostas auf Zypern verbotenerweise traf. Sie ist Türkin, er Grieche und während des Bürgerkriegs, der 1974 auf Zypern herrschte, hätten sie eigentlich auf der jeweils feindlichen Seite stehen müssen. Doch auch hier kennt die Liebe, wie so oft, keine Grenzen.


Kämpfe, in denen sich Brüder und Schwestern gegenüber stehen, sind in diesen Zeiten, im Jahr 2022 leider hochaktuell. Zwar nicht hier, wo ich diese Zeilen schreibe, aber dennoch nicht allzu weit entfernt. Wie ich Shafaks Seiten las, kam ich nicht umhin, mir diese Gedanken zu machen. Ich dachte über die Fiktion von Grenzen nach, die vor allem in unseren Köpfen existieren, die uns trennen und uns glaubhaft machen wollen, dass wir nicht alle Brüder und Schwestern sind.


Krieg trennt, Krieg verursacht Wunden, teils physisch, teils psychisch. Was aus Shafaks Buch deutlich wird: Die Wunden und die Trennung überdauern. Sie durchsickern Generation um Generation und werden vererbt. So spürt Defnes Tochter Ada eine Trauer und eine Wut in sich, die sie selber gar nicht so genau einordnen kann. Eines Tages brechen die Gefühle jedoch aus ihr heraus: Ada steht im Schulunterricht auf und Schreit ganz laut, vor der ganzen Klasse.


Mit Adas Schrei beginnt die Geschichte, der gewissermassen ein Erdbeben auslöst und die Erzählung ins Rollen bringt. Ada beginnt Fragen zu stellen, beginnt über ihre Vergangenheit und die Ihrer Familie nachzudenken. Nicht ganz unbedeutend ist dabei auch der Besuch von ihrer Tante Meryem, die als einzige auf Adas Fragen einzugehen scheint.


Über die Seiten hinweg erfahren wir immer mehr darüber, wie sich ihre Eltern Defne und Kostas kennenlernten. Wie sie sich im Geheimen in einer Taverne trafen, wie die Kriegsumstände sie auseinander rissen, wie sie Zypern verliessen und wie sie nach Grossbritannien kamen. Wichtig sind dabei die Bäume, die ganze Jahrhunderte an Erinnerungen in sich tragen. Zum Glück also, hat die Autorin einen Feigenbaum in ihrem Buch zur Erzählerin gemacht, sonst wäre vieles verschwiegen geblieben.


Shafaks Buch ist eines über Familien, über die Verbindungen die wir haben und wie sie, manchmal unmerklich, unsere Zukunft beeinflussen. Wie viel von dem Schmerz den Ada spürt, ist ihr eigener? Die Antwort auf diese Frage wird gegen Ende des Buches immer klarer. Manchmal scheinen die Erzählungen beinahe lyrisch, was mich beim Lesen besonders berührte. Vor allem die Stellen, in denen die «Bäumin» zu Wort kommt und sich direkt an die Lesenden richtet, lösten in mir eine Betroffenheit aus.


Im Buch ist Fiktives mit wahren Begebenheiten vermischt, was den Erzählungen noch mehr Tiefe und Gewicht gibt. Eine solche Geschichte könnte sich genau so abgespielt haben, eine solche Geschichte kann heute genau so passieren.


Wer gerne etwas mehr über die zyprische Geschichte erfahren will ist mit dem Roman sicher nicht schlecht beraten. Dennoch bleibt es eine grösstenteils erfundene Liebesgeschichte, die zum Nachdenken anregt, über das Geerbte und über das, was wir weiter vererben.


Tschäse und Bussi

Elena