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  • Gastbeitrag

Konservierte Gefühle

«längst fällige verwilderung. gedichte und gespinste» von Simone Lappert, Diogenes 2022


Von Alexia Panagiotidis


Simone Lappert hat nach ihrem Romandebüt «Wurfschatten» von 2014 und ihrem zweiten Roman «Der Sprung» «längst fällige verwilderung» geschrieben, der im Frühling 2022 erchienen ist. Bereits mit ihrem letzten Roman hat sie ihr poetisches Gespür bewiesen. Durch die sehr präzise und wie von Kritiker*innen bezeichnete «sinnliche» Sprache kann sie existenzielle Nöte und Höhepunkte fühlbar machen.


Wie es sich anfühlt, Gedichte zu lesen, die von einer mentalen Verwilderung handeln und sich dabei Naturprozessen bedienen, wollte ich durch die Lektüre der «gedichte und gespinste» erfahren.




Der Gedichtband fängt leise an – und klein: Alle Gedichte und Paratexte, wie der Titel und die Widmung, sind in Kleinbuchstaben geschrieben und nehmen die erste Verwilderung vorweg; diejenige des Alphabets, mit deren Logik von Gross- und Kleinbuchstaben gebrochen wird. Das Fehlen der Grossbuchstaben dient der Rhythmik der Gedichte, die häufig mit einer Beschreibung der Natur oder des Gemüts beginnen und sich Zeile für Zeile im Tempus steigern und die Spannung in die Höhe treiben.


Die Gedichte wechseln mit Fragen ab, die eine ganze Seite einnehmen und dadurch einen stärkeren Fokus auf die Lesenden richten, die sich mit der Situation identifizieren können, wie z.B.: «entschuldigung, wo kann ich hier ungestört scheitern?» Dieses Zitat von Sophie Hunger zieht sich als Leitmotiv in unterschiedlichen Variationen durch den Band und macht Lust, dieser Antwort im eigenen Leben nachzugehen.


Beim Lesen der Gedichte kommt das Gefühl auf, dass sich die Sprache einem Zentrum entzieht und sich nicht festlegen lässt. So werden die Lesenden im Unklaren darüber gelassen, wer die lyrische Stimme eigentlich ist. Die Brüchigkeit dieser Stimme zeugt von einer Rast- und Orientierungslosigkeit: Sie wirkt stets getrieben, «ausser dir bewegen sich alle», schreibt Lappert. Auch von «lücken im mund» erzählt sie und wie schwer diese zu füllen sind, wenn «du noch immer nicht weisst, was fehlt.».


Eine wichtige Beziehung entfaltet sich entlang der Adoleszenz, wenn sich die lyrische Stimme fragt, ab wann man nicht mehr Kind ist: «erwachsen bist du, wenn schon lange niemand mehr ein brot für dich gestrichen hat.» Solche nostalgischen Sätze lassen eine Selbstreflexion der Lesenden zu, die sich unwiderruflich fragen: Stimmt das? Wann hat Euch jemand das letzte Mal ein Brot gestrichen?


Es gibt Sätze, die scheinbar nicht zusammengehören und schliesslich mit geballter Kraft wirken. Man muss sich aber darauf einlassen und Mut haben, sich – wortwörtlich – ins Gewimmel zu stürzen. Dies kann melancholisch stimmen, wenn insistiert wird: «sag. wie kommt man noch gleich ohne zukunft durch den winter?» Vielleicht liegt die Antwort in diesem Gedichtband, vielleicht in Antworten, die Ihr Euch nie zuvor gestellt habt und jetzt beim Lesen zufällig findet.


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