• Gastbeitrag

Trübe Gedanken im farbenprächtigen Obstgarten

«Alte Sorten» (2019) von Ewald Arenz

Von Dominic Spichtig


Die siebzehnjährige Sally hat es satt. Den immergleichen Alltag satt, ihre Eltern satt. Die Sozialpädagog*innen, die so tun, als würde Sally ihnen etwas bedeuten, obwohl sie ihnen eigentlich egal ist. Und vor allem hat sie den lauwarmen Kamillentee satt, den es in der Klinik anstelle von Kaffee zu trinken gibt. Der Sallys Empfinden nach in etwa so viel Charakter hat, wie die Menschen in ihrem Umfeld.


Doch dann trifft sie auf Liss, eine Bäuerin um die vierzig Jahre. Von ihr lernt Sally alte Obstsorten kennen, die so viel geschmackvoller sind als alles, was es bisher in ihrem Leben gab.


«Sie nahm wieder den Teller von der Schüssel, klaubte mit den Fingern ein Stück Birne heraus und steckte es in den Mund. Sie schmeckte süss und nach einem sanften Gewürz, das Sally nicht kannte. Sie fragte sich, ob es die Birne war oder ob Liss den Obstsalat gewürzt hatte. Sie nahm ein Stück Apfel. Der schmeckte ganz anders und sie probierte die Birne noch einmal.»



Als ich mit dem Lesen von «Alte Sorten» begonnen habe, fühlte ich mich direkt in die schönen Spätsommerwochen zurückversetzt, die ich einst auf einem Bauernhof im Norden Deutschlands verbringen konnte. Ich hatte damals den Eindruck, auf einen fremden Kontinent gelandet zu sein. An einem Ort, an dem die Natur den Lauf der Dinge bestimmt. Der durchgetaktete Grossstadtalltag mit all seinen Terminen, Verpflichtungen und Erwartungen war auf einen Schlag ganz weit weg. Rund um mich herum wuselte es nur so von summenden Insekten, grunzenden Wildschweinen, flinken Feldhasen, neugierigen Rehen und zappelnden Fischen.


In eine ähnlich ungewohnte Umgebung tritt auch die Protagonistin Sally ein: Die lebhaften Beschreibungen von goldgelben Feldern, dicht behangenen Rebstöcken im Septembernebel und Birnen, die nach Honig und Gewürzen schmecken, lassen auch die Leser*innen in eine andere Welt eintauchen. Man möchte schon fast sagen eine bessere.


Diese idyllische, beinahe verklärt wirkende Landschaft, ist aber nur Kulisse für das eigentliche Thema des Romans: die Zerbrechlichkeit zwischenmenschlicher Beziehungen. Nach der zufälligen Begegnung verstehen sich Sally und die Bäuerin Liss auf Anhieb. Liss lässt Sally, die aus einer psychiatrischen Klinik abgehauen ist, auf ihrem Hof wohnen, dafür hilft diese ihr bei der Arbeit. Sie backen gemeinsam Sauerteigbrot, stechen Kartoffeln, brennen Birnenschnaps aus Maische.


Beide Frauen sind stark und eigenwillig, ihre Persönlichkeiten geradezu raumfüllend. Sowohl Sally als auch Liss gehen Konflikten nicht aus dem Weg, Menschen hingegen eher schon. Und trotzdem oder vielleicht gerade deswegen entsteht zwischen ihnen langsam aber stetig eine Freundschaft. Sie lassen sich gegenseitig Platz, stellen Fragen und hören einander zu - manchmal sagen sie auch gar nichts. Dabei entsteht kein peinliches Schweigen, sondern ein verbindendes. So wagen sich beide immer näher an sehr Persönliches heran, allerdings mit dem nötigen Feingefühl und einer subtilen Direktheit.


Man kann diesen Annäherungsprozess mit dem Schälen einer Zwiebel vergleichen: Mit jeder abgezogenen Schicht kommt etwas mehr vom Menschen, von seinen Gefühlen, Gedanken und Eigenheiten zum Vorschein. Und mit jeder Schale, die fällt, wächst die Verbundenheit. Doch so wunderbar dies klingen mag, was dabei zum Vorschein kommt, ist nicht immer schön. Nach und nach treten bei Liss Erinnerungen ans Tageslicht, die bis dahin unter vielen dicke Zwiebelschichten vor der Aussenwelt geschützt worden sind und nun ihre zerstörerische Kraft entfalten können. Und wo Zwiebeln geschält werden, sind bekanntlich Tränen nicht weit. So taumelt der Roman zwischen Idylle und Abgrund, zwischen Zuneigung und Hass; zwischen melancholischer Verklärung und tollkühnem Übermut.


«Alte Sorten» ist, meiner Meinung nach, eine sehr empfehlenswerte Lektüre. Ewald Arenz schafft es durch seine bildhafte und detailreiche Erzählweise, dass man ab der ersten Seite sofort mitten in der Geschichte drin ist. Das Buch ist in Arenz’ Muttersprache Deutsch geschrieben und wurde bisher nicht in andere Sprachen übersetzt. Eine Begabung zum Schreiben scheint bei dem 1965 geborenen Nürnberger in der Familie zu liegen: Sowohl seine Geschwister Sigrn und Helwig Arenz, als auch seine Cousine Mara Winter, üben wie er den Autor*innenberuf aus. «Alte Sorten» kommt anfangs leichtfüssig daher, man sollte sich aber bewusst sein, dass der Roman emotional sehr anstrengend sein kann. Der Erzählung haftet immer eine melancholische Grundstimmung an, die zuweilen ansteckend ist. Wer sich jedoch darauf einlässt, kann viel Lehrreiches mitnehmen.