• Sasha

Alte Schule

«The Catcher in the Rye» (1945) von J.D. Salinger

Mittlerweile ist es eine Weile her, dass ich die Schulbank gedrückt habe. Es hat lange gedauert, bis ich mich nach der Matura an das Leben ohne Schule gewöhnt hatte. Ehrlich gesagt wache ich auch heute noch ab und zu aus Träumen auf, in denen ich wieder durch überfüllte Schulgänge laufe, mit den Lehrer*innen schwatze oder mit meinen Mitschüler*innen in den Unterrichtsstunden sitze. Wie angenehm oder schrecklich diese Zeit am Gymnasium nun war, kann ich mittlerweile nicht mehr sagen, schon längst hat mein Hirn alles schöngemalt. Was bleibt, ist die Erinnerung an diese Intensität, mit der ich alles wahrgenommen habe: Hoffnung, Enttäuschungen, Lebensträume und -pläne und dieser unbändige Wille, es besser zu machen als die Erwachsenen. Genau von dieser Zeit erzählt J.D. Salinger in seinem Roman «The Catcher in the Rye».


Es ist Winter, irgendwo in der Nähe von New York. Holden Caulfield ist 16 Jahre alt, etwas hyperaktiv aber auch sehr intelligent und fliegt zum wiederholten Mal von einer Schule. Er handelt unüberlegt und naiv, aber ich verzeih es ihm sofort: Er ist nämlich der Ich-Erzähler dieser Geschichte, ein perfekter Ich-Erzähler, der alle seine Gefühle schildern und erklären kann, dabei aber genug selbstkritisch ist. Holden ist an einem Punkt im Leben angekommen, wo nichts mehr Sinn macht. Noch keine Ausbildung, keine Basis, auf die er bauen kann. Plus der fehlende Wille, zu akzeptieren, dass Menschen manchmal schwach sind und dumm, und dass das die Normalität ist.


Am meisten aber ärgert sich Holden darüber, dass alle Menschen «so tun als ob». Dass sie unnütze Regeln befolgen, als wäre dies die einzig richtige Möglichkeit, zu handeln und zu leben. Dass sie soziale Hierarchien ausleben und meist nicht versuchen, daran etwas zu ändern. An einfachen, scheinbar banalen Beispielen, zeigt Holden die Regeln unserer Welt auf:


«The thing is, it’s really hard to be roommates with people if your suitcases are much better than theirs - if yours are really good ones and theirs aren’t. You think if they’re intelligent and all, the other person, and have a good sense of humor, that they don’t give a damn whose suitcases are better, but they do. They really do. It’s one of the reasons why I roomed with a stupid bastard like Stradlater. At least his suitcases were as good as mine.»


«The Catcher in the Rye» bringt mich zum Lachen, aber auch zum Nachdenken. Auch jetzt möchte ich nicht werden oder sein wie die anderen Erwachsenen - wie diejenigen, die die Welt aufgegeben haben. Nicht alles, an die eigenen Kindern glaubt man weiterhin. Nur alles was weiter geht alles das eigene Gartentor, das eigene Fenster, ist zu weit und zu viel, da lässt sich ja sowieso nichts machen. Besser man richtet sich gemütlich ein und befolgt die Regeln. Und noch viel wichtiger: Lehrt die Kinder, dass man die Regeln befolgen muss, damit sie es irgendwohin schaffen im Leben. Nicht, dass ich etwas gegen Regeln habe, denn Regeln zu verabscheuen, gehört genauso zu diesem resignierten Weltbild der Erwachsenen. Aber manchmal vergesse ich doch, an welche Regeln ich glaube und glauben soll - und an welche nicht.


Vielleicht ist es das, was so vielen Menschen fehlt, der Glaube an etwas Gutes. Wir hören heute, dass wir weniger fliegen, den Konsum von tierischen Produkten reduzieren - kurz: auf vieles verzichten müssen. Wo sind die positiven Handlungen, wo ist das Positive, das wir erreichen können? Ohne dass wir vor den vielen Problemen, wie der Flüchtlingsdebatte oder der Klimakrise, die Augen verschliessen? Auch daran erinnert mich Holden Caulfield in «The Catcher in the Rye», an dieses Bedürfnis, alles zu vergessen. Die ganze Gesellschaft mit all den Problemen einfach hinter sich zu lassen, davon träumt Holden - wie auch ich, wenn ich zu viel über Globalisierung und den Klimawandel nachdenke.


Was J.D. Salinger erzählt klingt für uns nicht neu aber immer noch aktuell - wahrscheinlich ist dieses Buch auch deshalb ein Klassiker. Unbedingt lesen, sich an die Schulzeit erinnern und vor allem daran, dass man immer noch nicht so werden will, wie die anderen Erwachsenen.


Tschäse & Bussi

Sasha