• Elena

Das braucht Mut

«Notes to Self» von Emilie Pine (2019)


Stell dir vor jemand würde dein Tagebuch über einen Zuglautsprecher vorlesen und alle Mitfahrenden würden es hören. Für mich ein beängstigender Gedanke. Auch bei Emilie Pine löst die Vorstellung, ihre Gefühle, Gedanken und Erlebnisse in ihrem Buch «Notes to Self» zu teilen, Unbehagen aus. Doch sie hat es trotzdem getan und das braucht Mut – verdammt viel Mut.



Ihr Werk ist eine Sammlung aus persönlichen Essays. Darin erzählt Emilie Pine von der Pflege kranker Eltern, dem Wunsch schwanger zu werden, eine Frau mit guter Bildung zu sein und einmal im Monat zu bluten. Was viele lieber umschiffen, spricht die irische Autorin aus. Dass sie dabei ihre eigene Überwindung, sich mit diesen Themen an die Öffentlichkeit zu wenden so offen anspricht, hat mich beeindurckt.


Emilie Pine lässt uns hier nicht nur in ihren Kopf, sondern vor allem in ihr Herz. Sie macht sich verletzlich und ist dabei gleichzeitig so stark. Auch wenn für mich der Wunsch nach einem Kind weit weg scheint und ich keine kranken Eltern zu pflegen habe, hat sie mich berührt: mit ihrer Ehrlichkeit und ihrer Sprache, die trotz der Wut und des Schmerzes irgendwie immer sanft bleibt.


Vor dem Schlafengehen las ich jeweils einen Essay. Dann sass ich noch eine Weile mit dem geschlossenen Buch in einem Schoss auf meinem Bett. Ich kann gar nicht sagen, dass ich in dieser Zeit viel gedacht oder weltbewegende Erkenntnisse gehabt habe. Es war für mich eine Art, ihre Arbeit zu würdigen und ihre Zeilen noch eine Weile auf mich wirken zu lassen. Es schien mir irgendwie schöner, als direkt das Buch zuzuklappen, das Licht auszuknipsen und mich schlafen zu legen.


Emilie Pine lebt in Dublin und unterrichtet dort Drama und Film. Zu gerne würde ich einmal mit ihr durch die Gassen Dublins streifen und einen Kaffee trinken gehen. Wer Tabus so offen anspricht, ist bestimmt eine spannende Gesprächspartnerin.


Mi