• Sasha

Das «Jetzt» abstellen

«Tiefenlager» (2021, Verlag das Wunderhorn) von Annette Hug


Menschen sind nicht für die Ewigkeit gemacht. Weiter zu denken als das Bedürfnis im hier und jetzt, als die aktuelle Woche, fällt uns schwer. Was passiert, wenn wir nicht mehr da sind, können und wollen wir uns kaum vorstellen. Gefangen im Netz des Jetzt scheint es zuweilen unmöglich, den Kopf für die Zukunft freizuhalten und eine langfristig gute Entscheidung zu treffen. Man denke nur an all die Diskussionen rund um Nachhaltigkeit und den Klimawandel, die sehr gerne beiseite geschoben werden. Allen voran die Fragen nach der Atomenergie und der Lagerung des radioaktiven Abfalls denen sich auch Annette Hugs Roman «Tiefenlager» widmet.


Wenn alle nur an die eigenen Bedürfnisse denken, der Aktualität folgen, sich aus dem Stress ins weite Ausland mit dem Flugzeug retten, braucht es eine Institution, die in anderen Zeiträumen denkt. Die nicht den kurzfristigen Profit anstrebt, das nächste angenehme Erlebnis, sondern eine sichere Zukunft für alle Menschen. Annette Hug macht in ihrem Buch einen Vorschlag: Ein Klosterorden soll es sein, denn: “Ein Kloster ist die zuverlässigste bisher bekannte Methode, Wissen zu sichern und von Generation zu Generation zu übermitteln”.


Petra, Betty Wang, Anatol, Kurt und Céline: Fünf Menschen aus Deutschland, Frankreich, Russland und den Philippinen gründen einen Klosterorden, um den Atommüll bis in alle Ewigkeit zu lagern. Mit der Vision: «Kein Mensch wird durch die Strahlung eines Endlagers für nukleare Abfälle getötet» gehen die fünf das fast unmögliche Problem an. Sie schieben keine Panik, sondern üben sich in der Ruhe. Denn wer hastig arbeitet, macht Fehler - und eine kleine Ritze, ein Wassertropfen, reicht bereits, um die Katastrophe auszulösen.


Dabei geht es nicht nur um die Lagerung des Atommülls, sondern vor allem auch um die Konservierung des Wissens rund um Nuklearphysik und die Lagerung von radioaktivem Abfall. Die Schrift gibt es erst seit 4000 Jahren, das radioaktive Material hingegen wird noch eine Million Jahre strahlen - also gilt es alles in verschiedensten Sprachen zu dokumentieren und hoffen, dass die zukünftigen Menschen diese Schriften dann lesen und verstehen können. «Einfach zu bestehen, scheint mir Aufgabe genug», meint Petra in Annette Hugs Roman - und so wird auch die Ordenskultur gut gepflegt: Jeden morgen wird geturnt und gesungen, manchmal auch gefeiert.


Aus der Perspektive eines Ordensmitglieds erzählt Annette Hug die Geschichte des Ordens als eine Art Gründungsmythos, gespickt mit Anmerkungen und Zitaten aus literarischen und politischen Texten. Petra, Betty Wang, Anatol, Kurt und Céline sind die Heldinnen und Helden dieses Mythos, in Rückblenden erfahren wir auch ihre persönlichen Hintergründe, in ihren Visionen sehen wir verschiedene Zukunftsszenarios durch ihre Augen.


Auf eine gelassene Art und Weise erzählt Annette Hug eine Geschichte, bei der eigentlich die Panik ausbrechen sollte. Analog zu ihren Figuren bewahrt sie Ruhe bei diesem heiklen Thema, was allerdings das Lesen manchmal etwas schwer macht: Irgendwie kommt man den Figuren und der Handlung nie richtig nahe, es ist, als würde man die Geschichte durch eine Glasscheibe beobachten.


So ist man als Leser*in etwas distanziert, dafür hat man viel Raum für Interpretation und eigene Schlüsse, denn Annette Hug liefert reichlich Denkstoff. Ein Fazit, das ich aus diesem Roman ziehen kann, ist wohl, dass wir nicht nur Naturwissenschaftler*innen und Ökonom*innen brauchen, um die Welt zu retten. Auch Kulturwissenschaftler*innen haben durchaus ihren praktischen Nutzen - irgendwie muss das Wissen schlussendlich ja lesbar gemacht werden, irgendwie muss der Zusammenhalt zwischen den Menschen bestehen bleiben. Als Studentin einer Geisteswissenschaft, lese ich das gerne so heraus.


Wer eine technische Lektüre zum Thema nukleare Energie und eine Abwägung ihrer Folgen sucht, ist hier falsch beraten: Der Standpunkt ist diesbezüglich von Anfang an klar, Hug hat keinen Anspruch, die tatsächlichen (katastrophalen) Folgen der Atomenergie gegeneinander abzuwägen. Vielmehr bietet sie eine philosophische Auseinandersetzung mit der Lagerung von Atommüll und unserer Zukunft. Nicht nur das Problem mit dem nuklearen Abfall diskutiert Annette Hug in “Tiefenlager”, auch andere anstehende Probleme schneidet sie an, wie beispielsweise die Ausdehnung des Kapitalismus in all unsere Lebensbereiche oder die vermehrt auftretenden Heuschnupfen-Erkrankungen. Hoffnungsvoll, ruhig und kontrolliert bleibet Annette Hug angesichts all unserer Probleme: Mit dem Glauben, dass wir das schaffen können. Hoffen wir, dass sie Recht hat.


Tschäse & Bussi

Sasha