• Sasha

Form follows function follows beauty? Im Auge der Betrachterin

«Beauty» von Stefan Sagmeister und Jessica Walsh


Im Vorhinein weiss man nie, wann der letzte Sommertag kommt. Erst im Rückblick bemerkt man den Kehrpunkt, wenn die Tage endgültig kälter werden und der Himmel grauer wird. Heimlich schleicht sich der Sommer jedes Jahr davon und wandert in den Süden, während wir mit der ganzen Unordnung des langen, warmen Fests zurückbleiben.


Allerdings muss auch ich als Sommerkind anmerken, werden dafür die Bäume golden und die Luft frischer. Der Tee in meiner Tasse wird noch etwas wärmer und die Scrabble-Runden spannender. Vielleicht wird sogar das Leben ein bisschen schöner. Doch was bedeutet das schon, «schöner»?


Genau damit befasst sich Jessica Walshs & und Stefan Sagmeisters «Beauty». Die beiden Grafiker*innen begeben sich auf die Suche nach DER Schönheit: Sie untersuchen auf eine witzige Art und Weise die Geschichte des komplexen Begriffs. Wie wir Schönheit wahrnehmen und wie Schönheit uns beeinflusst – mit Fokus auf die visuellen Disziplinen Architektur, Design und Kunst. Sagmeister und Walsh recherchieren an den Schnittstellen von Kunst, Psychologie, Geschichte und Soziologie. Anhand von zahlreichen Beispielen wird erklärt, wie tatsächlich schöne Objekte besser funktionieren. Und wie heutzutage die Funktionalität Schönheit viel zu oft im Keim erstickt.





Warum beispielsweise bauen wir mit unserer fortschrittlichen Technik diese hässlichen Gebäude, während daneben die schönen 100-jährigen Häuser stehen? Auch muss ich an alle Verpackungen, Werbeplakate und an Buchcovers denken, die früher so viel attraktiver gestaltet wurden. Von den Autos und den Zügen möchte ich gar nicht erst anfangen. Und wo ist eigentlich das angenehme Rattern der alten Anzeigetafel im Zürcher Hauptbahnhof geworden?


Immer mehr Fragen stellen sich mir nach der Lektüre von «Beauty». Was ist mit der Fotografie passiert? Während man sich die Bilder auf einem Film sorgsam aufspart, hat man meist tausende digitale Fotos auf dem Handy. Oft gräuliche, verpixelte Ausschnitte, die man nur selten wirklich betrachtet. Ein schlechtes analoges Bild sieht immer noch irgendwie akzeptabel - oder zumindest interessant - aus, das Material und die Farben sind satt und greifbar. Hingegen ist ein schlechtes digitales Bild ein Haufen grauer Pixel. Und meiner Meinung nach gibt es nichts, was mehr Kälte und Gefühllosigkeit ausstrahlt als die kleinen Rechtecke auf unseren Bildschirmen.


Aber genug der Nostalgie und des Pessimismus, gerade heute lassen sich auch sehr schöne Dinge kreieren - nicht zuletzt Sagmeisters und Walshes «Beauty». Es ist eine Wahl, die wir treffen können, die wir treffen müssen: Wollen wir schnelle, kurzlebige Produkte schöpfen, die zwar niemandem Freude bereiten aber im entferntesten Sinne eine Funktion haben? Oder gehen wir den schwierigeren Weg und verbinden Funktionalität mit Schönheit?


So oder so, die Blätter fallen weiterhin und der schöne Herbsttag wartet mit seiner sanften Gleichgültigkeit auf uns. Mit ihm, wenn wir Glück haben, auch ein paar spannende Bücher.


Tschäse & Bussi

Sasha


PS: Zum Buch organisierten Sagmeister & Walsh auch eine Ausstellung, nur leider nie in der Schweiz. Hier gibt es mehr Infos dazu.