• Elena

Im Schwebezustand

Tauben fliegen auf von Melinda Nadj Abonji (2010)


Ich war gerade elf Jahre alt, als mir meine Schwester dieses Buch zu Weihnachten schenkte. Sie war davon begeistert, also würde ich es auch sein, war sie überzeugt. Was meine Schwester nicht bedacht hatte, war unser Altersunterschied: sie ist sieben Jahre älter als ich. Dennoch befand sie mich für genügend reif, mir «Tauben fliegen auf» von Melinda Nadj Abonji unter den Weihnachtsbaum zu legen.





Den komplizierten Sätzen, die sich teilweise über mehrere Seiten hinziehen, konnte ich mit elf Jahren jedoch beim besten Willen nicht folgen. Das verunsicherte mich, noch nie zuvor hatte ich ein Buch nicht lesen können, weil ich es nicht verstand. Ich unternahm einige Anläufe, scheiterte aber jedes Mal. Ich fühlte mich dumm und legte das Buch zur Seite.


Meiner Schwester erzählte ich nichts von meinen kläglichen Leseversuchen – sie sollte mich schliesslich nicht ebenfalls für dumm halten. Und ich war froh, dass sie mich nicht danach fragte.


Heute gehört das Werk von Melinda Nadj Abonji zu meinen Lieblingsbüchern, die ich gerne wieder lese – was mir nur selten passiert. Zum Glück gab ich dem Buch mit etwa 14 Jahren nochmals eine Chance und siehe da, ich konnte ihren Sätzen plötzlich folgen.


Die Sprache der Autorin zieht mich immer wieder in einen Bann. Ihre Kommata sind so zahlreich, dass ich das Buch gar nicht weglegen kann, weil ich beinahe atemlos ihren Schilderungen folge.