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Literatur, die Grenzen aufbricht

«Blutbuch» von Kim de l'Horizon (2022), ein Beitrag im Rahmen des Schweizer Buchpreises


Wie reihen wir uns selbst in unserer Familiengeschichte ein? Und wie schreiben wir darüber? Diese zwei Fragen standen für mich im Zentrum von Kim de l’Horizons Debütroman «Blutbuch» - Ein Roman, der sich kaum besser beschreiben lässt als Literatur, die Grenzen verschwimmen lässt und neue Verbindungen webt.



Die Erzählfigur ist Kim: Eine non-binäre, studierte Person, die allein in Zürich lebt und schreibt. Als die Grossmutter an Demenz erkrankt und zu vergessen beginnt, möchte Kim sich erinnern: An die Vorfahrinnen, an die Kindheit, an die Blutbuche im Garten des Familienhauses. In fünf Teilen begleitet man Kim auf dem Versuch, der Vergangenheit und der Familie näher zu kommen und sich gleichzeitig davon zu befreien.


Es gibt keine Handlungsabfolge, die sich von Anfang bis Schluss entfaltet. Vielmehr ist dieser Roman eine Erörterung, die aus verschiedenen Richtungen versucht wird. In jedem der fünf Teile begegnet man einer anderen Sprache: Man taucht ein in die märchenhafte Welt des «Es» – des Kindes, das Kim einmal war – wird dann aus dieser Magie wieder herausgerissen, um gemeinsam mit Kim durch den inneren Monolog zu strömen, über literaturwissenschaftliche Konzepte nachzudenken, Briefe und Dialoge zu lesen, sich in der Selbstreflektion zu verlieren, der Grossmutter zu schreiben und schliesslich auch, um gewisse Themen zu vermeiden.


Der Umgang mit Sprache ist ebenso frei wie der mit Textgattungen und -sorten: «Mündliches» wird mit «Schriftlichem» vermischt und nahtlos fliessen Schweizerdeutsch, Hochdeutsch und Englisch ineinander über. Beinahe konstant wird die Sprache des Romans reflektiert und infrage gestellt, sodass man nie vergisst, dass man einen geschriebenen Text vor Augen hält. Dadurch verschwimmt die Grenze zwischen Autor*in, Erzählfigur und lesender Person. Es bleibt unklar, was Fiktion und was Realität ist und man fühlt sich so, als würde man einen direkten Einblick in Kims Gedanken beim Schreiben am Tisch bekommen.


Die Gedanken über Sprache sind stets an solche über (Klassen-)Zugehörigkeit geknüpft. Dabei stehen die Unterschiede zwischen Erzählfigur, Mutter und Grossmutter im Vordergrund. Während Kim studiert hat, benutzt die Mutter den Duden, um hochdeutsche Wörter nachzuschlagen und die Grossmutter spricht sowieso nur in ihrem alten Berndeutsch. Der Graben, der dadurch entsteht, ist allgegenwärtig: Zum Beispiel am Telefon, als die Mutter meint: «Also, Kim: Ich bin halt nicht eine Studierte, weisst du? Du redest manchmal zu hoch für mich.» So kommen Gefühle von Schuld und Verrat auf: Wie gehe ich damit um, wenn ich meinen eigenen Familienmitgliedern privilegiert gegenübergestellt bin? Und wie kann ich diesen Graben überqueren?


Noch grösser wird der Graben durch die unausgesprochenen Traumata und die tief vergrabenen Verletzungen: Kim erinnert sich an das Eis der Mutter, das sie von innen gefrieren liess, das Feuer der Grossmutter, welches das Familienhaus zum Brennen brachte, die «erste Rosmarie», nach der die Grossmutter benannt ist und die Grosstante Irma, die im jugendlichen Alter plötzlich aus den Bilderalben verschwindet. Der Text windet sich um diese Frage nach den Traumata der Familie, ohne jedoch das Gefühl von Distanz jemals ganz auflösen zu können.


Diesen Roman zu lesen, fühlte sich an wie eine Reise durch die emotionale und gedankliche Welt der Erzählfigur, durch die Geschichten der Frauen einer Familie und durch die sozio-politischen Verhältnisse, die unsere Identität und Beziehungen mitbestimmen. Die rohe Ehrlichkeit und Verletzlichkeit, mit der Kim schreibt, liess mich der Erzählfigur ganz nah fühlen. Manchmal fühlte ich mich aufgrund der Komplexität des Romans auch etwas überfordert. So musste ich das Buch immer wieder weglegen, um meinen ausgelösten Gefühlen Platz zu geben und Luft zu holen.


«Blutbuch» hat mich jedoch oft auch zum Lachen gebracht. Der verspielte Umgang mit Sprache und der gelegentliche ironische Klang hatten einen befreienden Effekt: Es tat gut zu sehen, wie eine Person Erwartungen über literarische Sprache über Bord wirft und etwas Neues, noch Schöneres entstehen lässt. Für mich ist dieser Roman deshalb eine Schatztruhe – nicht wie die leeren Truckli, die in der Wohnung der Grossmutter stehen und vor denen sich das Kind, das Kim war, fürchtet – sondern voller Überraschungen, verschiedener Themen und neuen Verbindungen. Ich kann nur empfehlen, dass ihr euch selbst hinsetzt, das Buch öffnet und eintaucht.


Tschäse & Bussi

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