• Sasha

Moral im roten Polster

«Fabian» von Erich Kästner und «Fabian» (Verfilmung) von Dominik Graf


Es ist bereits dunkel im Saal, die meisten Zuschauer*innen sitzen bequem in ihren weichen Sesseln, man hört fremdes Gequatsche. Was für ein friedliches Geräusch, denke ich, und merke erst jetzt wie sehr ich das vermisst habe. Hastig zwängen sich die Letzten durch die Sitzreihen. Was war das nochmals, ah Reihe 8, Platz 9 und 8, ein entschuldigendes Lächeln lässt sich hinter der Maske erahnen. Dann beginnen auch schon die Werbungen mit den Vorfilmen auf der Leinwand zu tanzen. Ich sitze mit meinem Freund im Arthouse Uto, stelle mein Handy ab und öffne dem Film zu Ehren ein Bier. «Fabian», steht da gross auf der Leinwand, und «Frei nach dem gleichnamigen Roman von Erich Kästner».


Drei Stunden sassen wir wie gebannt in den roten Polstern und saugten den Film von Regisseur Dominik Graf in uns hinein: Das fast quadratische Bildformat, die erschreckenden, lauten Passagen, die eingestreuten historischen schwarz-weissen Filmausschnitte, die wunderbaren Wort-für-Wort Zitate aus Erich Kästners Roman.


«Man kommt nur aus dem Dreck heraus, wenn man sich dreckig macht. Und wir wollen doch heraus!»





Berlin, Ende 1920er: Dr. Jakob Fabian, Germanist und Werbetexter für ein Zigaretten-Unternehmen, versucht in den Bordellen und Kneipen des Berliner Nachtlebens die Moral nicht zu verlieren. Kästner führt uns durch Fabians Berlin: Kein Detail wird ausgelassen, kein Tabu gesetzt und hinter scheinbaren Banalitäten versteckt sich immer wieder eine Weisheit. Kästner vermag es, erotische Szenen und Liebe aus den Perspektiven beider Geschlechter darzustellen, ohne zu urteilen. Wunderbar leicht liest sich der Roman, während Deutschland in Fabians Geschichte langsam aber sicher in den Abgrund der Wirtschaftskrise und des Nationalsozialismus driftet.