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  • Sasha Müller

Unsichtbar

«Ein Winter in Sokcho» von Elisa Shua Dusapin (2018), übersetzt von Andreas Jandl


Ich versuche es nicht zu tun, aber ich kaufe Bücher nach ihrem Cover. Nicht, dass ich das per se verwerflich finde – für irgendetwas haben wir unseren ausgeprägten Sehsinn. Das Äussere – egal ob eines Menschen, eines Hauses, einer Verpackung – kann durchaus etwas über den Inhalt verraten. Bei Büchern ist diese Korrelation meiner Erfahrung nach vielfach weniger ausgeprägt. Gerade im Bereich der deutschsprachigen Literatur ist es in den wenigsten Fällen das Cover, das mich zur Lektüre überzeugt – im Gegenteil: Die Umschläge deutscher Bücher machen für mich auch gute Geschichten oftmals unsichtbar.


Absolut im Griff mit der Covergestaltung haben es meiner Meinung nach die englischsprachigen Verlage. So ist mir beispielsweise Elisa Shua Dusapin’s «Winter in Sokcho» durch den knalligen Umschlag im Querformat ins Auge gesprungen. Dass die Autorin schon lange in der Schweiz lebt und ihren Roman auf Französisch verfasst hat, wurde mir aber erst bewusst, als ich im Literaturhaus Zürich Elisa Shua Dusapin und dem Übersetzer ihrer Bücher, Andreas Jandl, zuhörte.


Das poppige englische Cover.

«Ein Winter in Sokcho» erzählt von einer besonderen Begegnung in Sokcho: Zwischen der namenlosen Erzählerin, einer jungen Frau, und dem französischen Künstler Yan Kerrand, der in Sokcho nach einer Geschichte für seinen neuen Graphic Novel sucht. Sokcho, eine südkoreanische Küstenstadt unweit der nordkoreanischen Grenze, ist im Winter vor allem eines: trostlos. Unglaublich kalt und dunkel ist es, anstelle der Badetourist*innen bietet Sokcho im Winter Zuflucht für all jene, die eine Schönheitsoperation auskurieren müssen. Ihre bandagierten Gesichter verleihen der Geschichte etwas Gespenstisches, Groteskes. Vor dieser Kulisse erzählt Dusapin von der Sehnsucht nach einem Neuanfang, nach Kunst, von der Sehnsucht danach, ein Teil einer Geschichte zu sein.


Wie ich bereits an der Lesung im Literaturhaus merke, hat die Autorin ihren ganz eigenen Schreibstil: Präzis, sinnlich, teils grotesk und für mich auf Französisch nicht zu verstehen, wenn ich dem Buch gerecht werden will. Übersetzung lesen also, entscheide ich während der Lesung, und habe die hübsche englische Version gedanklich schon in den Händen. Wenn da der Übersetzer Andreas Jandl nicht wäre, der dem Publikum genau erläutert, wie er die französischen Worte in deutsche einkleidet: Schritt für Schritt legt er seine vorsichtigen Übersetzungen aus, zeigt, wie er einen Satz oft mehrmals übersetzen muss, bis die Worte sitzen und den Schreibstil der Autorin repräsentieren.


Nach der Lesung vergleiche ich am Büchertisch die ersten Sätze von «Ein Winter in Sokcho» / «Winter in Sokcho» / «Hiver à Sokcho» und entscheide mich gegen das hübsche englische Cover und für die deutsche Variante. Ich gebe zu, es schmerzt. Aber ich freue mich über Elisa Shua Dusapins Erstling, geniesse die seltsamen Bilder, die mich Dusapin sehen, schmecken und fühlen lässt.

«Ich konzentrierte mich auf das Einnehmen meiner Suppe, die Spiegelung meines Gesichts an der Oberfläche. Die Wellen, die der Löffel machte, liessen meine Nase die Konturen verlieren, meine Stirn sich kräuseln, meine Wangen auf das Kinn schwappen.»

Ein bisschen wie ein Arthouse-Film fühlt sich das Lesen an – bis am Schluss komme ich den Figuren nicht viel näher. Ganz wie die Autorin selbst: Im Literaturhaus erzählte Elisa Shua Dusapin, dass sie ihre Figuren nicht wirklich kennt und sich mehr für die Stimmungen und Szenen interessiert. Es muss also von den szenischen Beschreibungen, also vom Äusseren, auf das Innere der Figuren geschlossen werden. Eine solche Distanz macht es mir schwer, die Figuren zu verstehen, die Geschichte einzuordnen: War es nun eine Liebesgeschichte? Oder handelt es sich vielmehr um eine Identitätssuche? Was bleibt, sind die vielen Bilder und Eindrücke, die das Buch interessant machen - wenn auch nicht unbedingt berührend.

Das etwas unscheinbarere deutsche Cover.

Berührend müssen für mich nicht alle Bücher sein, wichtiger ist die Abwechslung in meinem Bücherregal. Deshalb werde ich Dusapins anderen Romane bestimmt auch lesen - einfach weil ich kaum ein Buch kenne, das «Ein Winter in Sokcho» gleicht. Zwar handelt es sich bei diesem Roman nicht um leichte Unterhaltung, dafür verbirgt sich hinter nur 139 Seiten viel Denkstoff.


Klar ist mir nach der Lektüre von «Ein Winter in Sokcho»: Meine selbst auferlegte Regel, Bücher immer in der Originalsprache zu lesen, muss ich mit Vorsicht anwenden – sonst laufe ich Gefahr, dass viele Geschichten für mich unsichtbar bleiben. Unklar, hingegen, ist: Wie soll ich deutschsprachige Bücher auswählen, wenn nicht nach Autor*in oder eben dem Cover? Die Antwort mag klar sein - durch eine Empfehlung oder einen supertollen Blogbeitrag - dennoch erlaube ich es mir, mir ein wenig poppigere Covers für deutsche Bücher zu wünschen.


Tschäse und Bussi

Sasha


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