• Elena

Vom Festhalten und Loslassen

Ti amo von Hanne Ørstavik (2021)


Ich liebe dich. Mit diesen Worten startet Hanne Ørstaviks Buch, das ebenso auf Italienisch heisst: Ti amo. Ich liebe dich. Wie viel wurde über diese Worte schon gesungen, gedacht, gesprochen, gemalt, geschrieben...? Kann es zu viel sein? Kann man sich zu viel «Ich liebe dich» sagen? Wenn man weiss, dass die geliebte Person bald nicht mehr hier sein wird, ist es jedoch nicht die Frage nach dem Zuviel, sondern die nach dem Genug.





Seit ihr Mann die Krebsdiagnose erhalten hat, sagen sie sich die drei - oder in ihrem Fall zwei Worte ständig. Hanne Ørstavik ist in ihrem Buch Autorin und Ich-Erzählerin zugleich. Denn was sie uns hier erzählt, sind keine erfundenen Gefühle, Begebenheiten und Erfahrungen, es ist das, was sie in den letzten Monaten mit ihrem Mann für sich aufgeschrieben hat.


Ørstavik gibt uns die Möglichkeit an ihrer Gedanken- und Gefühlswelt teilzuhaben. Ihre Zeilen tragen Schmerz, Glück und manchmal auch Wut in sich. Letzteres kommt beispielsweise dann zum Vorschein, wenn sie sich fragt, ob ihr Mann sich seines nahen Todes bewusst und ob er es sich dessen überhaupt bewusst sein will? Wie kann es sein, dass der Tod zwar so präsent zu sein scheint, sie ihn aber in ihren Gesprächen verschweigen?


Es sind komplizierte Fragen, die Ørstavik sich und in gewisser Weise auch den Lesenden stellt. Wie verbringt man die letzte Zeit mit dem geliebten Menschen? Darf man für andere mögliche Partner*innen Liebesgefühle entwickeln? Was kommt danach?


Eine Antwort auf diese Fragen gibt uns die Autorin so nicht, zumindest nicht in Worten. Sie lebt einfach weiter, schreibt weiter, geht auf Lesungen und trifft Leute. Während ihr Mann immer dünner und schwächer wird, muss sie darum kämpfen selbst nicht daran zu Grunde zu gehen. Sie schreibt von der Trauer, von der Scham, die einen überkommt, wenn man sich in einer solchen Situation auch um seine Bedürfnisse kümmert.


Ti amo ist ist ein liebevoll geschriebenes literarisches Stück Erinnerung daran, dass wir uns sagen sollten, wie sehr wir uns mögen. Es erinnert mich daran, dass es ein Zuviel eigentlich nicht gibt. Denn früher oder später läuft uns allen die Zeit davon. Bei manchen schleicht sich dieser Umstand mit mehr Ankündigung wie mit einer Krankheit an, bei anderen kommt der Tod plötzlich und unerwartet.


Das schmale Buch hat einen zartrosa Umschlag, der zusammen mit dem Titel vielleicht einige vom Lesen abhalten könnte. Würde man Kitsch erwarten? Die Erscheinung finde ich trotzdem irgendwie passend. Das Buch ist haptisch wie optisch leicht, durch die Farbe und seine Schmalheit. Die Thematik im Innern ist hingegen geprägt von einer Schwere, die mit der Erscheinung kontrastiert und so irgendwie von ihr aufgefangen wird.


Der Liebe wegen ist die Autorin Ørstavik von Oslo nach Mailand gezogen. Die Schriftstellerin hat schon einige Preise für ihre Bücher erhalten. Nach dieser Lektüre bin ich gespannt, wie sich ihre anderen Werke lesen.


Tschäse und Bussi

Elena